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MKs – wo bin ich zu Hause? - Anne Bühner im Interview mit Gudrun Neumaier

Ich hatte es unwahrscheinlich gut!

Anne, erzähle kurz, in welchen Ländern du als Missionarskind gelebt hast, wo du geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen bist und wo du deine Ausbildung gemacht hast.

Geboren bin ich auf Chuuk in Mikronesien. Hier habe ich eine wunderschöne Kindheit verbracht. Vielleicht der Traum mancher Kinder: Südsee, Palmen, Strand, Wärme, Schnorcheln in einer sagenhaften Unterwasserwelt, unendlich viel Freiheit ... Zweimal war ich mit meiner Familie in dieser Zeit zum Heimataufenthalt in Deutschland, jeweils an verschiedenen Orten. Mit elfeinhalb Jahren ging ich für fünf Jahre nach Japan zur weiterführenden Schule, während meine Eltern auf Chuuk lebten. In den Sommerferien und alle zwei Jahre auch in den Weihnachtsferien durften meine beiden Brüder und ich nach Hause, das heißt nach Chuuk fliegen. Dann folgten vier Jahre Deutschlandaufenthalt an drei verschiedenen Orten. Mit 19 Jahren begleitete ich meine Eltern für vier Jahre nach Kanada, wo ich meine Berufsausbildung zur Krankenschwester absolvierte. Hier wäre ich wohl auch geblieben, wenn ich nicht einen Deutschen geheiratet hätte und somit wieder in Deutschland gelandet wäre.

Und wie sieht dein Leben heute aus?

Seit 18 1/2 Jahren lebe ich nun mit meinem Mann in Deutschland. Wir haben vier prächtige Jungs, und ich bin froh, dass ich nicht außer Haus arbeiten gehen muss, sondern einiges ehrenamtlich in der Kirchengemeinde tun kann. Aus beruflichen Gründen sind wir in dieser Zeit auch bereits dreimal umgezogen.

Welches der Länder oder Orte würdest du als Heimat bezeichnen und warum?

Heimat, was bedeutet das eigentlich? Da muss ich, ehrlich gesagt, erst mal im Lexikon nachschlagen. Dort heißt es: Heimat = 1. Ort, Land, wo man daheim ist und sich wohl fühlt. 2. Land, dessen Staatsbürgerschaft man besitzt.

Nach der ersten Bedeutung hat sich die Heimat für mich im Leben öfters geändert. Chuuk ist die Heimat meiner Kindheit, in die ich als Erwachsene nicht mehr zurückkann. An Japan habe ich unheimlich viele gute Erinnerungen, aber meine Eltern waren nicht dort, es war also nicht mein richtiges "Zuhause". In Deutschland fühle ich mich inzwischen auch wohl. Ich lebe hier gerne mit meiner Familie. Laut Lexikon-Definition ist es nun meine Heimat.

Nach der zweiten Bedeutung ist Kanada meine Heimat, weil ich die kanadische Staatsbürgerschaft besitze. Wenn ich könnte, würde ich sofort wieder dorthin ziehen. Wenn mich jemand fragt, dann sage ich, dass ich Kanadierin bin, obwohl ich von Geburt eigentlich Mikronesierin bin ... Woher komme ich? Von überall und nirgends.

Was sind die Pluspunkte deiner Aufenthalte in verschiedenen Teilen der Welt? Was hat dich positiv geprägt?

Ich hatte das unverschämte Glück, die verschiedensten Kulturen und Länder kennen zu lernen und das nicht nur als Tourist. Ich habe Freunde in vielen Ecken der Welt. Ich habe noch nie länger als sechs Jahre an einem Platz gelebt, und mir fällt es relativ leicht, neu Fuß zu fassen. Die Erfahrung, dass sich Christen auf der ganzen Welt finden und wir zusammenarbeiten können und dass die Frage, welcher Denomination man angehört, eigentlich unwichtig ist, hat mich geprägt und beeindruckt. Da kommt mir so manche Kleinkariertheit in Deutschland, wo jeder sein eigenes Süppchen zu kochen scheint, sehr seltsam vor. Hier vermisse ich oft die Offenheit anderen gegenüber. Man hat gelegentlich den Eindruck, die Deutschen sehen sich als die Einzigen, die es richtig machen und von dieser Warte aus über andere Länder herziehen. Aber ich kenne trotzdem nur wenige, die stolz und zufrieden sind, Deutsche zu sein.

Was waren Minuspunkte? Was ist dir schwer gefallen?

Ich wollte (und zum Teil steckt es noch in mir drin) eine von den anderen sein, doch ich war immer die Ausländerin. Meine weiße Hautfarbe ließ sich eben nicht ändern, auch wenn ich mich so kleidete, so aß, so sprach, so benahm wie die Insulaner. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mir auf Chuuk, wohl zum Entsetzen meiner Eltern, von den Insulanern Läuse auf den Kopf setzen ließ, um auch wie sie in der Gemeinschaft sitzen zu können und entlaust zu werden. Und in Deutschland war ich immer der zugezogene Exot. Die meist gefürchtete Frage für mich war: "Woher kommst du?" Ich wollte einfach nur "normal" sein und dazugehören. Manchmal beneide ich heute noch die Menschen, die sagen können: "Ich komme aus ...." Meine Mutter meinte einmal: "Unsere Heimat ist der Himmel." Das hat sich mir eingeprägt und ist für mich letztlich die richtige Antwort auf die Frage nach meiner Heimat.

So früh schon von den Eltern getrennt zu sein war auch nicht immer einfach. Obwohl ich heute als Mutter denke, dass meine Eltern damals das größere Opfer gebracht haben. Für mich als Kind gehörte es nun mal dazu.

Wenn du deinen Kindern von früher erzählst, welche Erlebnisse sind dir da besonders wichtig?

Interessanterweise erzähle ich gerne von meiner Zeit in Japan, den Spaß, den wir da hatten, die vielen Streiche ... Diese Zeit habe ich positiv in Erinnerung, obwohl ich weit weg von meinen Eltern war. Das ist den verschiedenen Betreuern im Schülerheim, wo wir wohnten, zu verdanken, die sich sehr dafür eingesetzt haben, uns ein Zuhause zu geben.

Euch, liebe "Tanten" und "Onkels" auf diesem Wege ein herzliches Dankeschön! Auch wenn mir damals als Teenie nicht immer alles so gepasst hat und ich Heimweh hatte, habt ihr es doch fertig gebracht, dass ich gerne an diese Zeit zurückdenke.

Vielleicht kommt auch noch dazu, dass wir im Schülerheim alle MKs (Missionarskinder) waren und in der Schule alle "Exoten". So war ich endlich "normal".

Und in Kanada ist im Grunde jeder ein Einwanderer und somit jeder gleich. Da spielt es keine Rolle, woher man kommt, man gehört dazu. Vielleicht habe ich mich deshalb dort so wohl gefühlt und komme ins Schwärmen, wenn ich erzähle, was ich mit Freunden in diesem wunderschönen, weiten Land alles unternommen habe.

Was ist für dich das Besondere daran, ein MK zu sein?

Im Rückblick denke ich: Ich hatte es unwahrscheinlich gut. Für kaum jemanden wird wohl so viel gebetet wie für Missionarskinder. Wie erstaunt bin ich, heute noch Menschen zu begegnen, die mir sagen: "Für dich habe ich früher immer gebetet." Dafür bin ich unheimlich dankbar!

Anne Bühner, geb. Seng, verheiratet mit Friedhelm, vier Söhne. Sie ist auf Chuuk/Mikronesien geboren und aufgewachsen, hat einige Zeit in Japan, Deutschland und Kanada verbracht, besitzt die kanadische Staatsbürgerschaft und lebt jetzt mit ihrer Familie in Deutschland.

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